







Wir verlassen die Asinara Insel und steuern eine ganz besonders schöne Stadt im Nordwesten an- Castelsardo. Ein mittelalterliches Städtchen, umgeben von einer trutzigen Burganlage. Solche Orte sind tatsächlich rar auf Sardinien, meist gibt es doch kleinere Dörfchen, selten mal eine Stadt, die auf so viele Jahre zurückblicken kann.
Wir steuern die dortige Marina an, mit dem Ziel den Juli hier zu verbringen. Wir wollen einige Dinge in Ruhe vorbereiten, das Boot aus dem Wasser holen und das Unterwasserschiff neu streichen lassen. Aber auch ein bisschen die Gegend erkunden und die ansässigen Strände genießen.
Was wir auch entdecken sind zwei phantastische Restaurants- direkt nebeneinander. Su Nuraghe – ein etwas gehobeneres Restaurant, mit tollen sardischen Spezialitäten, und aber vor allem einem spektakulären Blick auf Castelsardo. Zu unserem 5ten Hochzeitstag gönnen wir uns hier mal einen Abend. Und direkt daneben ist die Pizzeria Ja ana- fast derselbe gute Blick – und richtige gute Holzofenpizzen. Was will man mehr. Wer mal hier in diese Ecke kommt – ganz klares Muss auf der kulinarischen und optischen Entdeckungsreise.
Die Strände um Castelsardo sind bekannt als Surf- und Kitespot. Westlich im Örtchen Lu Bagnu ist ein richtiger Surferspot (nicht Windsurf, sondern das ohne Segel)- wer hätte das gedacht. Hatte ich gedanklich Wellenreiten in Europa nach Portugal und den Münchner Eisbach verbannt. Und auch Guido, der davon ja schon was versteht, ist überrascht. Es gibt sogar eine Surfschule dort . Östlich von Castelsardo in Valledoria ist dafür das Kite-Mekka. Eins ist damit aber schon mal klar – an Wind mangelt es hier meist nicht. Aber auch so einfache Normalschwimmer wie meiner einer können sich hier einfach am feinen Sand und dem klaren Wasser erfreuen. Wenn man nicht gerade von einer Welle umgeworfen wird. Da heißt es den Bikini festhalten.
Hitzewelle ist ja ein Wort, das in Deutschland momentan nur in den Nachrichten vorkommt, wenn ich Berichte von 14,5 Grad höre, dann ist das wohl grad sonst auch gedanklich weit weg. Wir bemerken das in der Marina auf Sardinien dagegen recht deutlich. Wir liegen dort super geschützt vor starken Winden- aber leider auch vorm lauen Lüftchen. Und die Temperaturen gehen munter mit Anlauf über die 30er Marke.
Und wir merken es ganz konkret. Man stelle sich eine Box vor, ca. 4 Meter mal 3 Meter, mit 1,90 Deckenhöhe. Außen Holzbeplankung. Die stellen wir jetzt bei 40 Grad ein paar Stunden in die Sonne. Und dann gehen wir nachts darin schlafen. Hört sich schwierig an? Willkommen in unserer Achterkajüte, normaldeutsch unser schwimmendes Schlafzimmer.. Am Ankerplatz ist immer etwas Brise. Hier in der gut geschützten Marina wie eben erwähnt- nichts. Deshalb ziehen wir los und kaufen uns eine portable Klimaanlage. Der Wahnsinn, was für ein Unterschied. Halbwegs kühle Nächte, in denen man wieder wirklich gut schlafen kann. Toll. Und die Klima übertönt auch noch die Außengeräusche hier in der Marina. Die sind nicht ohne. Die Sarden machen gerne Spaziergänge in ihrer Marina, oder üben sich im neuen Coronasport- das schnelle Gehen zu mehreren in voller Sportbekleidung. Spät abends und auch gerne ab 5:30 morgens. Sonst ist es ja auch zu heiß. Und offenbar bleiben sie gerne an der Blue Baloo mal stehen- um laut den Namen vorzulesen, und über das Schiff zu diskutieren. Und wenn man schon mal steht, kann man sich ja in der Diskussion auch noch anderen Themen zuwenden. Freut uns ja generell- aber nicht wenn wir eigentlich noch gerne schlafen würden.
Besonders eine Gruppe netter älterer Herren, die jeden zweiten Tag um 05:30 ihren Frühsport begingen, und exakt 4mal in einer Stunde auf und ab laufen, ahnen nicht welche Mordgelüste da ganz nah neben ihnen entstanden.
Zweiter Freudenpunkt waren die Motorräder. Die Marina liegt in einer Kurve, die zwei Berge verbindet. Es scheint sehr viel Spaß zu machen, runterzuschalten, den Motor hoch zujagen, abbremsen, wieder schalten, Vollgas…. Fühle mich etwas an die DTM erinnert…
Mit der Klima durchlaufend hören wir davon fast nichts mehr. Wir hören nicht einmal, dass an unserem Steg ein Boot brennt – inklusive Löschvorgang, Feuerwehr etc. Gott sei Dank am anderen Ende des Stegs, aber dennoch zu nah. Das ist dann vielleicht etwas zu viel des Guten. Wir ändern die Taktik und lassen die Klima tagsüber laufen, und schalten sie ab wenn wir ins Bett gehen – in ein kühles Bett wohlgemerkt.
Die ersten massiven Waldbrände treffen Sardinien im Osten und Westen. Als der Wind landauswärts weht haben wir morgen das ganze Deck voll Asche, obwohl die Brände an die 100km weg sind. Und alle sprechen davon, im Supermarkt, der Bar, Fotos gehen durch die sozialen Medien. Brände gibt es in den heißen Zeiten im Sommer auf Sardinien leider jedes Jahr, aber so schlimm war es wohl noch nie, inklusive ganzer Viehherden, die dem Feuer nicht mehr entkommen konnten.
An unserem Steg liegen viele Langzeitlieger- teils seit 30 Jahren ist der Platz gesichert- da können wir nur staunen. Wir lernen mal wieder tolle Menschen kennen und schätzen – genau das, was wir ja auch unter anderem mit dieser Reise bezwecken wollen.
Und darüber lernen wir auch neue Plätze kennen - zum Beispiel das Agritursimo „La Fattoria“. Absoluter Tipp! Ein bisschen im Hinterland gelegen, ein kleines Hotel, mit Restaurant und Streichelzoo, sowie eigenem Gemüseanbau und Schafzucht. Und nicht zu vergessen einem unvergesslichen Blick aufs Meer und die Berge. Menükarte gibt es hier keine- man entwickelt irgendwie im Gespräch mit der Chefin einen Speiseplan- sie kommt mit Ideen, man sagt was man gerne mag, und so einigt man sich schlussendlich – und es ist wundervoll. Peter, der uns hier eingeführt hat, ist Stammgast, und so bekommen wir noch den gigantischen Gemüsegarten gezeigt, und letztlich Riesen-Zucchini geschenkt.
Castelsardo ist dann auch wieder einer dieser speziellen Orte für uns. Wie uns letztes Jahr Portoscuso ans Herz gewachsen ist, so tut es dieses Jahr Castelsardo, inklusive der belebten Marina.
Ein schöner Ort, Menschen fürs Herz, gutes Essen für die Seele, einfach schön.
Nicht zu vergessen – Fußball. Fast untergegangen ist sie dieses Jahr, die EM in der allgemeinen Wahrnehmung- gab ja auch vielleicht wichtigeres. Aber das Finale, mit Italien, in Italien, und Sieg für Italien war natürlich sehenswert. Und es hat viel Spass gemacht, auch zu später Stunde noch die begeisterten Kids zu sehen, die am Bildschirm klebten und ihren sardischen Superhelden angefeuert haben. Kleine Gemeinheit des Fernsehgottes – die letzten zwei Torschüsse haben wir verpasst! Genau da brach die Internetverbindung zusammen. Aber wir konnten akustisch im Ort verfolgen, dass offensichtlich die Italiener gewonnen hatten…
Aber gut, wir sind ja nicht nur zum Spaß hier. Die Blue Baloo braucht dringend etwas Schönheitspflege abseits der Wasserlinie, und so kommt sie aus dem Wasser um den Unterwasseranstrich zu erneuern. Die Gute hat einen hübschen Bart bekommen und der muss ab. Jetzt könnte man sagen- das sieht ja keiner unter Wasser. Zum einen ist wie bei so vielen Sachen – man selber weiß es ja leider, zum anderen kostet das Geschwindigkeit und zwar nicht zu knapp. Da wir als Segelboot in mittlerer Größe ja eh im guten Joggingtempo unterwegs sind, können wir wirklich keine versteckte Bremse gebrauchen.
Also auf zum Travellift. Das bedeutet wir fahren mit der BB in ein rechteckiges Becken, der Travellift fährt quasi um uns herum, und schiebt zwei lange Schlaufen unter BBs Bauch. Diese werden dann hochgezogen und wir hängen. Wir haben eine kurze Diskussion über die Position der Bänder- sind die an der falschen Stelle reißen sie uns den Propeller ab, oder beschädigen anderes am Rumpf. Denn 11 Tonnen Schiffsgewicht sind nicht ohne und müssen gut austariert werden. Aber da sind klar definierte Hebepunkte und wir bestehen drauf dass diese auch eingehalten werden, auch wenn es dadurch etwas komplizierter wird, da der Travellift etwas kurz ist für uns. Deshalb lösen wir das Achterstag- das Stahlseil, das den Mast nach hinten zieht, und schon geht’s.
Schwups sind wir draußen, und das Boot fährt im Lift eingehängt wie in der Schiffschaukel über Land. Jetzt wird erst mit dem Hochdruckreiniger alles an Algen und Muscheln abgespritzt. Dann wird neues Antifouling aufgetragen. Dieser Ausftrich verhindert dass sich Algen und Muscheln schnell wieder ansiedeln. Und er Rumpf oberhalb der Wasserlinie wird nochmal schön poliert, so dass man sich drin spiegeln kann.
Antonio ist der Mann der Tat und er macht das wirklich mit viel Liebe zum Detail, und das in der Hitze. Großartig. Für uns heißt das drei Nächte im Hotel bis die BB fertig ist. Ein Bett das sich nicht bewegt, Klimaanlage im ganzen Zimmer, und Blick aufs Meer- auch mal nicht schlecht. Nur der Pool ist uns zu voll- wir sind echt verwöhnt merken wir da. Und tatsächlich so viele Menschen auf nahe Distanz gar nicht mehr gewöhnt. Willkommen in der Zivilisation. Auch eine interessante Erfahrung.
Der Duda, unser braves Beiboot, bekommt noch die schützende blaue Hülle verpasst. Leider war die Persenning nicht richtig ausgeführt worden- der Aufnahmepunkt zum hochziehen war an der falschen Stelle- unser Fehler im übrigen, ansonsten eine super Arbeit aus Lignano. Jetzt sollte dieser Reißverschluss versetzt werden, damit wir den Duda etwas vor Sonne schützen können, und auch unsere Fender dort drin verstauen können für die längeren Überfahrten. Grundsätzlich kann ich das auch selbst mit der Nähmaschine, aber ich wollte dass es perfekt aussieht- also auf zum Segelmacher. 200 Euro (!!!!) und eine Enttäuschung später ist der Reißverschluss zwar versetzt- aber ehrlich gesagt, das hätte ich schöner hinbekommen.
Zurück auf dem Boot machen wir erst mal eine Nachmittagsausfahrt, zum Ankern und Baden. Das tut gut und die Laune ist wieder exzellent als wir abends zurück in die Marina kommen.
Dann aber dann heißt es sich vorbereiten auf den nächsten langen Schlag (Reise). Wir wollen nämlich von Sardinien aus Non-Stop bis Cartagena in Spanien. Das sind 500 Seemeilen, vorbei an Menorca, Mallorca und Ibiza. 4 Nächte auf See, für uns ein Novum, und entsprechend aufgeregt sind wir, und entsprechend akribisch ist unsere Vorbereitung. Wir checken endlose Male das Wetter, installieren das Satellitentelefon für Notfälle, aber auch um die neuesten Wetterdaten unterwegs laden zu können, unsere Sicherheitsausrüstung ist in Topform, proviantieren, wir haben Essen vorgekocht und teils eingefroren, ein letztes Mal das Boot abwaschen und ja tatsächlich - wir sind ready to go.
Nach Westen geht’s– Richtung Gibraltar dem Tor zum Atlantik.